Die Enns
Eine Zeitreise am Wasser
Heinz Wiesbauer
ISBN: 978-3-99126-390-6
27,5×21,5 cm, 284 Seiten, zahlr. vierfärbig gedr. Abb., graph. Darst., Kt., Hardcover
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Kurzbeschreibung
Das Werden der Landschaft
Die Enns durchzieht Landschaften, die auf den ersten Blick nur wenig gemeinsam haben. Die Ursache dafür liegt in der Geologie, die den Fluss in mehrere Räume gliedert.
Der Oberlauf im Pongau entwässerte ursprünglich in die Salzach. Erst als das Geschiebe während der Eiszeit den Weg versperrte, änderten sich die orografischen Verhältnisse, sodass die Enns fortan in östliche Richtung entwässerte. Die enge Bindung an das Land Salzburg blieb aber erhalten. Anfang des 19. Jahrhunderts gab es sogar Pläne, die obere Enns über einen Kanal wieder in die Salzach zu leiten, um das Holz im oberen Einzugsgebiet für die Saline in Hallein und andere Montanbetriebe zu nutzen.
Eine andere Entwicklung nahm das angrenzende steirische Ennstal oberhalb des Gesäuses. Während der Kaltzeiten der Eiszeit wurde das Tal von einem mächtigen, bis zu 1500 Meter hohen Gletscher eingenommen. Durch das mehrmalige Vordringen und Abschmelzen der Eismassen wurde der Talboden ausgeräumt und dabei um über 100 Meter eingetieft. Nach dem endgültigen Rückzug des Gletschers entstand eine von der Enns durchflossene Seenlandschaft. Durch den Geschiebe- und Sedimenteintrag verlandete diese allmählich und es entwickelten sich ausgedehnte Moor- und Feuchtgebiete. Darin eingebettet mäandrierte die Enns in weiten Bögen und setzte bei Hochwasser große Teile des flachen Talbodens unter Wasser. Eine intensive Nutzung war unter diesen Umständen nicht möglich. Das steirische Ennstal galt daher lange Zeit als Notstandsgebiet, das es durch wasserbauliche Maßnahmen trockenzulegen galt.
Ganz anders war die Situation unterhalb des Gesäuses, wo die Enns mit großem Gefälle durch ein enges Tal fließt, das sich erst unterhalb der Stadt Steyr weitet. Doch nicht die Enge des Tals erklärt die bedeutende wirtschaftliche Entwicklung dieses Raums, sondern der Ressourcenreichtum: das Eisenvorkommen am Erzberg, die Wälder im Einzugsgebiet und die Wasserkraft. Sie waren der Nährboden für eine leistungsfähige Eisenproduktion. Bereits im 16. Jahrhundert konnte sich das untere Ennstal zu einer wichtigen Wirtschaftsachse entwickeln, deren Zentren der steirische Erzberg und die Stadt Steyr waren. Ein entscheidender Faktor für den Erfolg war die dezentrale Eisenproduktion. Indem ein großes Gebiet an der Eisenverarbeitung beteiligt war, konnte auf die gesamten Holz- und Wasserkraftressourcen dieses Raums zurückgegriffen werden. Das untere Ennstal war nicht nur Zentrum der Kleineisenindustrie, sondern entwickelte sich auch zur „Waffenkammer des Kaisers” und war von strategischer Bedeutung.
Das vorindustrielle Berg- und Hüttenwesen war keineswegs umwelt- und ressourcenschonend. Für die Versorgung der rasch expandierenden Eisenproduktion mit Holzkohle mussten immer unwegsamere Gebiete abgeholzt werden. Kahlschläge in exponierten Lagen erhöhten die Bodenerosion und die Gefahr von Muren. Die Fließgewässer wurden durch zahlreiche Wehranlagen und Triebwasserausleitungen der eisenverarbeitenden Betriebe und Mühlen beeinträchtigt.
Ab dem Hochmittelalter wurden das Ennstal und viele Seitentäler für die Holztrift erschlossen. Die Holzfäller schwemmten die Holzscheiter, die sogenannten Drehlinge, auf zahlreichen Bächen und auf der Enns bis nach Hieflau oder Großreifling, wo das Holz entnommen und in Meilern verkohlt wurde. Durch die Seitenerosion wurde Geröll freigesetzt, das in der Enns Auflandungen bewirkte.
Schifffahrt und Wasserbau
Der Transport von Eisen auf dem Landweg war teuer. Eine kostengünstige Alternative bot der Wasserweg auf der Enns. Flöße hatten im Gegensatz zu Schiffen den entscheidenden Nachteil, dass sie nicht mehr zum Ausgangspunkt zurückgebracht werden konnten. Da sich schon bald ein Holzmangel abzeichnete, setzte man auf Schiffe. Für deren Rücktransport musste jedoch am Ennsufer ein Rossweg angelegt werden. Ein schwieriges Unterfangen angesichts der beengten Situation im engen Kerbtal und der oft senkrecht aufsteigenden Felswände.
Hans Gasteiger, der zuvor schon den Holzrechen in Großreifling – das größte Wasserbauwerk der damaligen Zeit – errichtet hatte, erhielt 1569 den Auftrag für den Bau eines Rosswegs. Unter schwierigsten Bedingungen – teilweise musste der Weg galerieartig in den Fels geschlagen werden – schaffte er in nur sieben Jahren, was bis dahin für unmöglich gehalten worden war: einen durchgängigen Weg zwischen Steyr und Hieflau.
Wasserbau im Laufe der Zeit
Betrachtet man die wasserbaulichen Eingriffe an der Enns, so zeigen sich gravierende Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Abschnitten.
Vergleichsweise einfach waren die Maßnahmen in Strecken mit ausreichendem Gefälle, da der Fluss das anfallende Geschiebe hier weiter transportieren konnte. Um die notwendigen Wassertiefen für die Schifffahrt und Flößerei sicherzustellen, musste der Wasserbau danach trachten, den Flusslauf in überbreiten Abschnitten zu bündeln und die Seitengerinne zu beseitigen.
Andere Voraussetzungen gab es in der Strecke oberhalb des Gesäuses. Lokale Maßnahmen waren hier nicht zielführend, da sich der Fluss immer wieder verlagerte und die gesetzten Verbauungen keine Wirkung zeigten. Auch ein Versuch Anfang des 19. Jahrhunderts, das Gerinne durch die Sprengung des Gesäuseeingangs tiefer zu legen, um die Vorflutverhältnisse zu verbessern, brachte nicht den gewünschten Erfolg. Die Schleppspannung nahm zu und verursachte zahlreiche Uferbrüche. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde schließlich mit einer umfassenden Planung begonnen, deren Ziel es war, den Fluss großräumig zu regulieren.
Mithilfe von 40 Durchstichen und mehreren Begradigungen wurde die Enns im Regulierungsabschnitt um rund 20 Kilometer verkürzt. Mit der Eintiefung der Flusssohle konnten auch großräumige Entwässerungen umgesetzt werden. So gibt es heute im steirischen Ennstal von ursprünglich 1500 Hektar Moorgebieten nur mehr einige Restflächen. Zudem wurden rund 2000 Hektar Streu- und Feuchtwiesen entwässert und in mehrmähdige, stark gedüngte Fettwiesen umgewandelt.
Wasserbauliche Überraschungen
Die Flussgeschichte der Enns birgt einige Überraschungen. So gab es bereits im 18. Jahrhundert umfangreiche Rückbaumaßnahmen. Nicht weil schon damals Revitalisierungen modern gewesen wären, sondern um nicht beherrschbare Gefahren abzuwenden.
Die Ausgangssituation: Die Gerinne der oberen Enns und der Zauch waren im Jahr 1780 bereits stark reguliert und eingeengt. Durch die hohen Schleppkräfte gelangte bei Hochwasser viel Geschiebe in die Ortschaft Altenmarkt, das hier liegen blieb und den Ortskern mehrmals verwüstete. Dazu beigetragen hatte auch eine in die Jahre gekommene Geschiebesperre an der Zauch: Der sogenannte Sandkasten brach und setzte dabei große Geröllmassen frei.
Die von der Salzburger Hofkammer angereisten Wasserbauer suchten nach den Ursachen und arbeiteten ein Sanierungskonzept aus – die „Wasser-, Werk- und Damm-Ordnung”. Darin wurde festgelegt, dass dem „Fluss wieder mehr Raum” zu geben sei, Verbauungen beseitigt werden müssten und „keine Verwerchungen” [Verwerkungen, Verbauungen] mehr angelegt werden dürften. Der „Sandkasten”, ein Geschieberückhaltebecken, sollte so rückgebaut werden, dass die Höhe dieser Sperre jedes Jahr um einen Baumstamm abgesenkt würde. Mit der zunehmenden technischen Machbarkeit geriet diese Wasserordnung jedoch allmählich wieder in Vergessenheit.
Ein Fluss wird ärmer
Mit dem Gewässerausbau nahm die Strukturvielfalt stark ab: Kiesbänke, Totholzablagerungen, Autümpel oder Steilufer sind in der heutigen Flusslandschaft selten geworden. Dieser Umstand spiegelt sich u.a. auch in der Zusammensetzung der Flora und Fauna wider. So sind einige Charakterarten der Wildflusslandschaft wie z.B. die Deutsche Tamariske verschwunden. Stark zurückgegangen sind auch die Bestände von Kiesbankbrütern wie Flussuferläufer und Flussregenpfeifer. Weiters wird die Fischfauna durch zahlreiche Unterbrechungen des Gewässerkontinuums und strukturarme Lebensräume nachhaltig beeinträchtigt. Die massiven Rückgänge der Fischbestände haben vielfältige Ursachen, zu denen u.a. die Strukturarmut der Gerinne, Migrationshindernisse, hydrologische Veränderungen, aber auch die Dezimierung durch Beutegreifer (v.a. Kormorane) zählen.
Dazu kommt noch, dass heute viele Bereiche energiewirtschaftlich genutzt werden, d.h. sie sind aufgestaut und ihrer natürlichen Dynamik beraubt. Zwar reicht die Wasserkraftnutzung an der Enns bis ins Spätmittelalter zurück, doch waren die Wehranlagen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts niedrig und für Schiffe, aber auch für Fische zumindest zeitweilig passierbar. Mit der Errichtung größerer Kraftwerke ab den 1930er-Jahren gingen tiefgreifende Auswirkungen auf die Gewässerökologie einher. Sie betreffen nicht nur den Rückstaubereich und die Eintiefungsstrecke, sondern im Falle von Speicherkraftwerken auch die unterhalb angrenzenden Fließstrecken. Die bedarfsorientierte Wasserabgabe führt hier zu erheblichen Wasserspiegel- und Abflussschwankungen mit verheerenden Folgen für die aquatische Fauna.
Revitalisierungen
Um die Lebensbedingungen für Tiere und Pflanzen wieder zu verbessern und für die Bewohner der Region eine attraktive Erholungslandschaft zu schaffen, beschäftigen sich mehrere Projekte mit der Aufwertung monotoner Flussabschnitte der Enns. Ziel ist es, sowohl die gewässerökologische Situation zu verbessern als auch den notwendigen Hochwasserschutz für die angrenzenden Siedlungen sicherzustellen. Ein wichtiges Anliegen ist es auch, das Gewässerkontinuum wieder herzustellen, um Fischwanderungen zu ermöglichen.
[Mit einem Beitrag von Dirk van Husen] \
[Hrsg. vom Amt der Steiermärkischen Landesregierung, Abteilung Wasserwirtschaft, Ressourcen und Nachhaltigkeit (und vom) Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft]
Rezensionen
Martin Link: Neues Buch präsentiert: „Die Enns: Eine Zeitreise am Wasser“Eine informative Zeitreise entlang des einmaligen Flusses führt durch mehrere österreichische Bundesländer.
Die Enns fließt als zentrale Lebensader durch mehrere Bundesländer in Österreich: Der über 254 km lange südliche Zubringer zur Donau entspringt in Salzburg, fließt über 100 km in der Steiermark, bevor dieser in das oberösterreichische Ennstal eintritt. Ab Steyr bildet die Enns dann auch den Grenzfluss zwischen Ober- und Niederösterreich. Kaum ein Fluss in Österreich prägte daher über die Zeiten hinweg die Landschaft, die Kultur, die Industrie und die Menschen so sehr, wie die Enns.
Dieses Enns-Buch unter der Autorenschaft von Heinz Wiesbauer nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise am Wasser, beschreibt die zugrundeliegende Geologie, weist auf die frühen Nutzungen, wie die Holzdrift und die Flößerei hin, zeigt insbesondere die verheerenden Wirkungen der Enns-Hochwässer und deren Bändigung durch wasserbauliche Eingriffe. Damit einhergehend wird die Veränderung der Flusslandschaft auch am Beispiel der Flora und Fauna sichtbar. So sehr auch die Regulierung der Enns wichtig für den wirtschaftlichen Aufschwung der Region war, umso notwendiger ist nun der Weg zurück zu einer naturnahen Enns, der mit mannigfaltigen und ambitionierten Projekten eingeschlagen wurde.
„Die Enns ist mehr als ein Fluss – sie ist Zeugnis einer vielseitigen Natur- und Kulturgeschichte und zeigt auf, wie natürliche Prozesse und menschliches Handeln einander seit Jahrhunderten prägen. Das neu erschienene Buch ermöglicht uns, diese Geschichte zu entdecken und daraus eine Perspektive für die Zukunft zu entwickeln. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern eine anregende Lektüre", sagt Wasserminister Norbert Totschnig.
„Wer die Zukunft gestalten will, muss verstehen, woher wir kommen. Die Geschichte der Enns und des steirischen Ennstals zeigt eindrucksvoll, wie eng Landschaft, Mensch und Entwicklung miteinander verflochten sind. Dieses sorgfältig recherchierte Buch öffnet dafür neue Blickwinkel und liefert einen wertvollen Beitrag zum Verständnis unserer Region. Ich freue mich, dass wir als Land Steiermark gemeinsam mit dem Bund zur Entstehung dieses Werkes beitragen konnten", sagt Landesrätin Simone Schmiedtbauer.
(Martin Link, Mitteilung im News Portal Land Steiermark online veröffentlicht am 22. Dezember 2025)
https://www.news.steiermark.at/cms/beitrag/13002845/154271055/
Weitere Bücher des Autor*s im Verlag:
Die Traisen
Die Ybbs
salzach · macht · geschichte
Traun im Fluss
Von Schwarza und Leitha